Villa und Denkmalschutz – Otto Wagner und die Villenproblematik. Ein Prolog

Otto Wagner

In diesem Jahr, in dem wir des 100. Todestages von Otto Wagner gedenken, liegt es nahe, in seinem Lehrbuch* nachzulesen, was er – dessen Villenbauten heute noch zum Image der Stadt Wien beitragen – zu dem Thema zu sagen hatte.

Ein Gastbeitrag von Dr. DI Manfred Wehdorn

 

Sein Verhältnis zum Villenbau war zwiespältig, nach wie vor in seiner Aussage aber gültig. In der historischen Analyse zeigt der Text, wie Dank der Verbesserung der Verkehrsverhältnisse, der „Urtypus“, nämlich die römische, im ländlichen Umraum gelegene villa urbana, um die Jahrhundertwende für einen größeren – zweifellos ebenfalls wohlhabenden Personenkreis – erschlossen werden konnte und die großen Villenviertel Wiens entstanden. An anderer Stelle des Lehrbuches, das er für seine Studenten an der Akademie schrieb und aus dem das Zitat stammt, hielt Otto Wagner sinngemäß auch fest, dass die Villa die teuerste Wohnform und aus stadtpolitischer Sicht – er spricht konkret den Straßenbau an – auch nicht ökonomisch ist.

Alle diese Aspekte – die Grünlage, die Qualität und Intimität der Wohnform, aus psychologischer Betrachtungsweise aber zweifellos auch das Sichtbarmachen eines gewissen Wohlstands – haben dazu geführt, dass der Villenbau bereits zur Zeit Otto Wagners zum Spielball der Spekulation wurde – und auch das hält er kritisch und schonungslos fest.

Nicht zuletzt sei an dieser Stelle daran erinnert, dass – der Statistik Austria folgend – heute noch das Einfamilienhaus als beliebteste Wohnform gilt und – durchaus überraschend – auch in Wien jedes zweite Wohngebäude ein Einfamilienhaus ist! In Zahlen ausgedrückt, sind das rund 84.000 Einfamilienhäuser, in denen jedoch nur 9 % der Wiener Bevölkerung lebt – was auch aus heutiger Sicht die kritische Haltung Otto Wagners zum Thema „Villa“ aus stadtplanerischer Sicht aktuell erscheinen lässt.

 

Der Villenbestand

 

Die größte Anzahl von Villen finden sich, vom Bautypus bedingt, in den Stadtrandgebieten, im Bereich der ehemaligen Vororte. Aus heutiger Sicht sind es die Bezirke 13, 18 und 19, die im üblichen Sprachgebrauch als die bekanntesten und exquisitesten Villenvierteln Wiens gelten. Aufgrund des Bestandes sind zweifellos aber auch wesentliche Teile der Bezirke 14, 17 und 23 in die Betrachtungen mit einzubeziehen.

Villen Bestand

 

Gegenüber der oben genannten Zahl von Einfamilienhäusern in Wien ist die Zahl der unter Denkmalschutz stehenden Villen erstaunlich gering, nämlich nur rund 90 Objekte, wobei das Bundesdenkmalamt zusätzlich etwa 180 schutzwürdige Objekte dieses Bautypus vermutet. Die Zahl der unter Denkmalschutz stehenden Villen bewegt sich also in Relation zum Bestand im Promillebereich. Das Bundesdenkmalamt hat mit dieser gezielten Reduzierung des Denkmalschutzes zweifellos auf die verständliche Abwehr von Eigentümern gegen eine Unterschutzstellung reagiert und nur die bedeutendsten der Wiener Villenbauten dem staatlichen Schutz unterworfen. Unterschutzstellungen erfolgen im Allgemeinen vor allem im Anlassfall, wenn aus der Sicht des Bundes- denkmalamtes „Gefahr im Verzuge ist“ – so geschehen im Fall des sogenannten „Terramare – Schlössls“, einer klassizistischen Villa in Hernals (17., Heuberggasse 10, erbaut 1865), die in Verfall zu geraten drohte.

Zur relativ kleinen Anzahl von unter Denkmalschutz stehenden Villen, ist ergänzend anzumerken, dass der Schutz, zumindestens jener des Äußeren der Villen auch durch die bestehenden Schutzzonen nach der Wiener Bauordnung gewährleistet ist. Insgesamt gibt es in Wien derzeit exakt 140 Schutzzonen mit 16.472 Gebäuden, die tatsächlich flächenhaft mehr oder minder auch alle großen Villenvierteln umfassen, wie etwa das Währinger Cottage im 19. Wiener Gemeindebezirk, ab 1872 auf Initiative des Architekten Heinrich von Ferstel und Rudolf von Eitelberger erbaut oder – als Sonderfall – die für die Schaffung preisgünstiger Arbeitersiedlungen errichteten Bauten der „Werkbund – Ausstellung“, 1930 – 32, für die der Architekt Josef Frank Initiator und Motor war.

 

Vom Werden des Bautypus „Villa“

 

Der Denkmalbestand lässt gut das Werden des Bautypus „Villa“ in Wien nachvollziehen. Bis zum Spätbarock war es das „Schlössl“ – wie zum Beispiel das ehemalige Miller-Aichholz-Schlössl (14., Linzer Straße 429) aus dem 2. Viertel des 18. Jahrhunderts, welche die Wohnform der Mächtigen und Reichen, sozusagen „auf dem Land, aber in Stadtnähe“ bestimmte und ausschließlich dem Adel vorbehalten war.

Erst im Klassizismus, in der Biedermeierzeit, also der Zeit vor 1848, wurde die Zahl jener, die sich ein solches Haus leisten konnten, größer und die „Villa“ – das freistehende, von einem mehr oder minder großen Park umgebene Haus – wurde zur bürgerlichen Wohnform.

Als Beispiele sei auf das Villenensemble in der Gloriettegasse im 13. Bezirk verwiesen, um 1837 entstanden, im Besonderen auf das Haus Gloriettegasse 39, das auch Wohnhaus der berühmten Schauspielerin und Sängerin Charlotte Wolter war. Der Baubestand in der Gloriettegasse zeigt auch, dass man damals schon – um die Grundstückskosten zu minimieren – begann, die Villen zeilenförmig aneinander zu reihen, womit das Reihenhaus „erfunden“ war. Ein eigener Bautypus entstand ferner in der Form der „Fabriksvilla“, also des Wohnhauses des Eigentümers oder Firmenleiters eines Unternehmens auf dem firmeneigenen Areal. Auch hierzu finden sich noch beeindruckende Beispiele in Wien, wie das sogenannte „Geymüller – Schlössl“, auch „Villa Mautner“ genannt (18., Khevenhüllerstraße 2), erbaut Anfang des 19. Jahrhunderts.

Der rasante wirtschaftliche Aufschwung im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts und die Eingemeindung der Vororte (das heißt der Siedlungen außerhalb des Linienwalls) im Jahre 1892 förderten den Bau repräsentativer Villen am Stadtrand weiter, so dass es um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert geradezu zu einem Bauboom auch in diesem elitären Bereich kam. Ein zusätzliches taten die Architekten, welche die Bauform „Villa“ von der vorwiegend repräsentativen historisch gerichteten Form zu einem zeitgemäßen Funktionalismus führten. Die Namen der Architekten lesen sich heute wie das „who’s who in architecture“ der beginnenden Moderne:

  • An erster Stelle sei nochmals der Name Otto Wagner genannt, im gegebenen Zusammenhang die sogenannte „Villa II“ (14., Hüttelbergstraße 28, erbaut 1912/13);
  • Sein Sohn, Otto Wagner jun., mit der Villa Schmeidler (13., Schlossberggasse 14, erbaut 1901);
  • Josef Hoffmann, nicht nur mit herausragenden Einzelvillen, wie zum Beispiel die Villa Skywa – Primavesi (13., Gloriettegasse 14-16, erbaut 1913/15) oder die Villa Knips (19., Nusswaldgasse 22, erbaut 1924/25), sondern mit ganzen Villenensembles wie der „Hoffmann – Kolonie“ (19., Steinfeldgasse 2, erbaut 1900 – 1911) oder der „Kaasgraben-Kolonie“ (19., Kaasgrabengasse 30-38 und Suttingergasse 12-16, erbaut ab 1912);
  • Adolf Loos mit einem seiner Hauptwerke, dem Haus Steiner (13., St.-Veit-Gasse 10, erbaut 1910) oder dem Haus Strasser (13., Kupelwiesergasse 28, erbaut 1896) oder der Villa des Schriftstellers Dr. Otto Stoessl (13., Matrasgasse 20, erbaut 1911);
  • Josef Plecnik, z.B. mit der Villa Langer (13., Beckgasse 30, erbaut 1900/1901);
  • Robert Oerley, z.B. Villa Wustl (13., Auhofstraße 13, erbaut 1911-13) oder einem Landhaus in Währing (18., Türkenschanzstraße 23, erbaut 1907);
  • Leopold Bauer, genannt sei die Villa Joly, (13., Braunschweiggasse 12, erbaut 1929);
  • Der Otto-Wagner-Schüler Otto Schönthal mit der Villa Vojcsik (14., Linzer Straße 375, erbaut 1900/01); und
  • last but not least, der bereits genannte Josef Frank von dem hier als Beispiel nur die Villa Beer angeführt sei, (13., Wenzgasse 12, erbaut 1929-31), und der auch durch seine Stoffe, die er als Chefdesigner der Firma Svenskt Team in Stockholm schuf, Weltbedeutung erlangte.

 

Wo liegen die Problemstellungen bei historischen Villen?

 

Den größten Problemfaktor stellt die zeitgemäße Nutzung dar. Um es auf den Punkt zu bringen: Die Lebensform in historischer Zeit war eben eine andere als heute. Verallgemeinernd ist die Anzahl von Repräsentationsräumen in den historischen Villen zu groß, die Küchen sind zu klein, die Anzahl der Bäder ist minimiert und steht in keinem Vergleich zur Anzahl der Schlafräume. Zwar gibt es meist Speisenlifte, aber keinen Personenlift, wodurch die barrierefreie Erschließung ebenfalls zu einer zentralen Frage wird. Der Villenbesitzer von heute wünscht sich den niveau- gleichen Ausgang zum Garten, eine Dachterrasse und eine Garage – verständliche Wünsche, die aber bei historischen Villen nicht immer gegeben sind.

Geradezu einen Paradefall bildet in diesem Sinn die „Villa Rittershausen“, nach ihren langjährigen Eigentümern auch „Villa Kattus“ genannt (19., Hohe Warte 19), von den Theaterarchitekten Ferdinand Fellner und Hermann Helmer 1879-81 erbaut. Tatsächlich ist sie auch eine einzigartige Inszenierung, Prunkraum reiht sich an Prunkraum, alle oben angeführten funktionalen Mängel inkludiert.

Villa Bunzl, Architekt: Josef Frank© Wehdorn Architekten, Wien
Villa Bunzl (18., Chimanistrasse 18)

Zu den genannten funktionalen Nachteilen gesellen sich meist auch noch die üblichen technischen Problemstellungen, wie die Frage der Wärmedämmung, aufsteigende Grundfeuchte, undichte Fenster und Türen, Brandschutz, Sicherheitsaspekte und vieles anderes mehr. Wie so oft sind jedoch diese technischen Problemstellungen leichter zu beheben, als die funktionalen Nachteile, vor allem wenn sie mit einer Veränderung der inneren Baustruktur mit sich gehen.

Oft werden die funktionalen und technischen Mängel aber auch aus wirtschaftlicher Sicht überschätzt. Im Falle der „Villa Bunzl“ (18., Chimanistrasse 18), 1935 nach Plänen von Josef Frank erbaut – eine Ikone der beginnenden Moderne – hat der Autor als Architekt gezeigt, dass sich viele der genannten Nachteile mit relativ geringen finanziellen Mitteln und in bestem Einvernehmen mit dem Bundesdenkmalamt beheben lassen.

Größter Anreiz für den Kauf einer historischen Villa ist aber nach wie vor der Wunsch nach Repräsentation. Es ist kein Zufall, dass eine Großzahl, gerade der bedeutendsten Villen, als Botschaften oder Residenzen ausländischer Staaten dient. Nur drei Beispiele seien stellvertretend für viele andere angeführt:

  • Die Villa Xaipe (13., Grünbergstraße 3) eine der frühesten, nach 1750 entstandenen Villenbauten Wiens, dient der Botschaft der Volksrepublik China als Residenz;
  • Das ehemalige, von Adolf Loos 1927/28 erbaute Haus Moller (18., Starkfriedgasse 19), beherbergte die israelische Residenz;
  • Eines der Objekte in der bereits genannten „Hoffmann-Kolonie“ (19., Steinfeldgasse 2; erbaut 1909-11) beherbergt die Residenz der Botschaft des Königreichs Saudi-Arabien in Wien.

*) Otto Wagner, Die Baukunst unserer Zeit. Dem Baukunstjünger ein Führer auf diesem Kunstgebiet, IV. Auflage, Wien 1914.


Dieser Gastbeitrag wurde entnommen aus unserem aktuellen Villenreport

 

Manfred Wehdorn© Piotr Kulesza

Zur Person: Dr. DI Manfred Wehdorn

Architekt, Denkmalpfeger und Städtebauer. 1942 in Wien geboren, em. Vorstand des Institutes für Kunstgeschichte, Bauforschung und Denkmalpflege an der TU Wien. Zahlreiche öffentliche Ämter (Leitung Fachbereit für Stadtplanung und Stadtgestaltung in Wien, Vorsitzender und Mitglied des Denkmalbeirates etc.). Weltweite Vorlesungstätigkeit, zwanzig Bücher, 175 Publikationen. Als Architekt ist Prof. Wehdorn ebenfalls weltweit tätig.

 

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