Das Cottage – Luxuseigentum anno dazumal

Wien Cottage um 1900

Zwischen den Wiener Bezirken Döbling und Währing befindet sich das Cottage, ein städtebaulich interessantes Experiment aus dem 19. Jahrhundert. Was mit Einfamilienhäusern für den besseren Mittelstand begann, entwickelte sich zu einem der schönsten, aber auch teuersten Wohngebiete der Stadt.

 

1865 wurde in Wien die noch halb fertige Ringstraße feierlich eröffnet. Ein glänzender Boulevard für „Reich und Schön“. Doch für den Mittelstand war hier kein Platz. Nur die wohlhabendsten Bürger konnten sich hier ansiedeln, bauen, einmieten. Da kam 1860 der Ringstraßenarchitekt Heinrich Ritter v. Ferstel gerade recht, der in England das System mittelständischer Landhäuser studiert hatte. Ihm schwebten für den gehobenen Mittelstand (also Advokaten, Professoren, höhere Beamte und Offiziere) Einfamilienhäuser in den ehemaligen Vororten vor: Viel Grün, darin kleine Landvillen in möglichst einheitlichem Stil, einheitlicher Höhe unter Bedachtnahme auf die Nachbarn.

 

Cottage Villa Schmutzer Sternwartestraße© Vanderals Agentur
Villa Schmutzer – erbaut 1909/1910, Architekt: Robert Örley

 

Ein Ausschuss wurde gebildet, der die Statuten für die Gründung des Wiener Cottage Vereins am 13. April 1872 entwarf: Erschwingliche Familienhäuser sollten entstehen, mit zweckmäßig eingeteilten Wohn- und Wirtschaftsräumen samt Gärten, fernab vom Berufsalltag. Und: Wer bauen wollte, musste Vereinsmitglied werden. Das Experiment entstand bei der sogenannten Türkenschanze an der Grenze zwischen den beiden Vororten Weinhaus (heute 18. Bezirk) und Unterdöbling (19. Bezirk), eine brachliegende Gegend, die noch viel Platz für Zukäufe ermöglichte. Die Grundpreise waren noch moderat. Und die gute Luft aus dem Wienerwald war garantiert.

 

Villa Cottage neben Türkenschanzpark© Vanderals Agentur
Cottage Villa in Währing, Juli 2017

 

Heinrich v. Ferstel blieb bis zu seinem Tod (1883) Obmann des Cottage Vereins. Die Bewohner verpflichteten sich, gewisse bauliche Beschränkungen einzuhalten. Dazu gehörte ein Mindestabstand der Villen zum Nachbargrundstück, die Rücksichtnahme auf die nebenan Wohnenden bei der Bepflanzung, eine maximale Bauhöhe und eine einheitliche Gestaltung der Vorgärten. Gewerbebetriebe sind hier verboten. Das Servitut existiert bis heute und es sorgt oft für hitzige Kämpfe der Alteingesessenen mit diversen Bauwerbern.

 

Cottage Währing um 1870Bezirksmuseum Währing
Erbauung des Währinger Cottage, um 1873

 

Carl von Borkowski, von dem auch die Parzellierungspläne stammten, errichtete die ersten fünfzig Häuser in historisierender Form. Der erste Baugrund wurde von der Haizingergasse, Gymnasiumstraße, Sternwartestraße und Cottagegasse begrenzt. 3,3 Hektar standen zur Verfügung, die Parzellengrößen variierten zwischen 600 und 700 Quadratmetern. Das öffentliche Interesse war so groß, dass Borkowski einen Bildband herstellen ließ, der die Häuser wie in einem Versandhaus-Katalog darstellte. Die ersten 50 Häuser, in 18 Monaten zwischen 1873 und 1875 errichtet, beherbergten 150 Familien mit ca. 1000 Bewohnern.

Heute befinden sich auf dem Gebiet des Cottage Vereins 620 Villen – eine Insel der Ruhe am Rande einer immer hektischeren Großstadt. Die vom Cottage Verein fixierten Grenzen sind die Straßenzüge Gymnasiumstraße, Haizingergasse, Edmund-Weiß-Gasse, Severin-Schreiber-Gasse, Hasenauerstraße, Gregor-Mendel-Straße, Peter-Jordan-Straße, Dänenstraße, Hartäckerstraße, Chimanistraße und Billrothstraße.

Wer aufmerksam durch diese Straßenzüge geht, kann beobachten, wie die Einfamilienhäuser von den Besitzern liebevoll gepflegt und sorgsam restauriert werden.

 

Doch auch am Leben im Cottage ging die Zeit nicht spurlos vorüber. Im September 1888 verkündete Kaiser Franz Joseph bei einem Besuch des Türkenschanzparks die baldige Eingemeindung der Vororte in die große Stadt Wien. Eine heftig umstrittene Maßnahme, die nicht von allen Bürgern begrüßt wurde. Aber man lebte im Absolutismus, also war daran nicht zu rütteln.

 

Inschrift Kaiser Franz Josef Türkenschanzpark© Vanderals Agentur
Inschrift am Aussichtsturm „Paulinenwarte“, Juli 2017

 

Das Konzept der kaiserlichen Rede ist in der Stadtbibliothek nachzulesen und der Kernsatz ist der Nachwelt auf einer Marmortafel am Aussichtsturm des Türkenschanz-Parks überliefert:

„Ich wünsche herzlichst, dass mit dem Blühen und Gedeihen dieses jungen Gartens auch der erfreuliche Aufschwung der Vororte, welche, sobald dies möglich sein wird, auch keine physische Grenze von der alten Mutterstadt scheiden soll, stets zunehmen werde.“

Und (fast) alle waren zufrieden. Vor allem die Cottage-Bewohner. Immerhin hatten sie die Erholungslandschaft – es war nur ein kleiner Teil des heutigen Türkenschanzparks – aus privaten Mitteln finanziert. Auch hier war Ferstel die treibende Kraft, der die Pläne vom Stadtgartendirektors Gustav Sennholz anfertigen ließ. 1893, also nach der Eingemeindung, übernahm die Stadt Wien den Park. 1908 beschloss der Wiener Gemeinderat, den Park durch Einbeziehung der benachbarten Sandgrube im Westen zu vergrößern. Bis 1918 war der Türkenschanzpark die flächenmäßig größte Erholungsfläche dieser Art in Wien.

 

Teich im Türkenschanzpark© Vanderals Agentur
Der Türkenschanzpark, Juli 2017

 

Zur Person:

Prof. Hans Werner Scheidl

Arbeitete von 1965 bis 2009 als Redakteur für die Tageszeitung „Die Presse“. Heute ist er Zeithistoriker, Buchautor und freier Journalist.

 

Noch mehr zum Thema „Villen im 18. und 19. Gemeindebezirk“ lesen Sie in unserem Beitrag Erster Villenreport für Währing und Döbling.

 

Aussichtsturm Paulinenwarte© Vanderals Agentur
Aussichtstum „Paulinenwarte“ im Türkenschanzpark, Juli 2017

 

 

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