Die Beletage – ein Gastbeitrag von Univ.-Prof. Dr. Reinhold Knoll

Zinshaus in Wien und die Beletage

Die Beletage ist ein architektonischer Ausdruck einer neuen „Rangordnung“ des sich etablierenden Bürgeradels, die man aus den feudalen Vorbildern kannte.

 

Vermutlich war die Planung des Palais Pálffy am Josefsplatz in Wien der Anlass für die erste Diskussion darüber, ob es zulässig ist, dass man an der Fassade einen gesellschaftlichen Unterschied zwischen den „Ständen“ oder Eliten erkennen kann, wie es bisher der Fall war. Der Kaiser selbst, Joseph II., soll interveniert haben. So enthielt der Forderungskatalog während der Planung des Palais Pálffy die Auflage, das Gebäude müsse in allen Stockwerken die gleichen Geschoßhöhen haben und zudem keine überbordende Üppigkeit in der Fassadengestaltung. Dadurch war auch für das Stockwerk des Personals im künftigen Haus eine Raumhöhe möglich geworden, die den aufrechten Gang durch die Räume erlaubte. An der Fassade des neuen Hauses wollte der Kaiser keine wie immer geartete Betonung von „Herrschaftlichkeit“; schon gar nicht sollte man an der Struktur der Fassade die Prunkräume samt Festsaal ablesen können. Deshalb bestimmte er, dass genau jene Struktur der Fassade nicht fortgesetzt werden dürfe, die am Nachbarhaus, im Palais Pallavicini, repräsentativ vorhanden war.

 

Gerade in Wien hatte man sich bisher an der „Fürstlichen Bau-Lust“ (1698), einer Schrift des Herzogs Heinrich von Sachsen-Römhild, orientiert, und die meisten Paläste, die nach dem Sieg über das osmanische Imperium schnell errichtet worden waren, folgten dieser recht üppigen Sprache barocker Architektur. Daher ist bis heute der stilistische Gegensatz zwischen den beiden Nachbarhäusern deutlich. Selbst die Umgestaltung des einen Palais, für das mehr Schlichtheit eingemahnt wurde, und die dann doch etwas deutlichere Hervorhebung der Beletage beim Nachbarhaus hat den Kontrast nicht verringert, auch wenn das Palais Pálffy nach enormen Kriegsschäden 1945 seither wegen der ausgebliebenen Restaurierungen ein „Schatten seiner selbst“ blieb.

 

Unter dem Druck einer deutlich schlichteren Architektur, die als Klassizismus rund um Peter Nobile und Joseph Kornhäusel Motive des vor- und revolutionären Frankreich aufgenommen hatte, war eine üppigere Bautradition in der Donaumonarchie lange Zeit gegenstandslos gewesen. In Wien kündigte vornehmlich das „Biedermeier“ zwar eine nachhaltige Abänderung des Klassizismus in der Baugesinnung an, blieb aber bewusst einer liebenswürdigen Bescheidenheit treu. Es war ein bürgerlicher Lebensstil repräsentativ geworden, der allein schon wegen der deutlichen Distanz zum Adel einen eigenständigen kulturellen Ausdruck zur Geltung bringen wollte – den etwa Adalbert Stifter im „Nachsommer“ verkörpert hatte. Es war das verbreitete Bauprinzip rund um die alten Stadtzentren. Bis heute sind diese Zeugnisse vorstädtischer Idylle.

 

Beletage© Christian Steinbrenner
CHSH-Beletage

Nun war mit der „Stadterneuerung“ unter Kaiser Franz Joseph ein völlig neuer Geist eingezogen, der vorgab, nunmehr würden nach der Revolution von 1848 Adel und Bürgertum einander ebenbürtig gegenüberstehen. In Paris, London oder Rom war bereits ein Historismus zum herrschenden Geschmack avanciert, der sich dadurch ausgezeichnet hatte, sich der bisherigen europäischen Stilrichtungen wie aus Angeboten im Warenhaus zu bedienen. Allerdings waren diese historischen Bauzitate die Verkleidungen modernen Stahlbaus. Erstmals war auch Glas oder gar Eisenbeton als Baustoff repräsentativ eingesetzt worden. Man war überzeugt, dass die neuen politischen wie ökonomischen Ansprüche eines Kapitalbürgertums, der Bedarf an neuen öffentlichen Bauten wegen geänderter Funktionen der Stadt und der Zwang zu „Versammlungsbauten“ − wie Bahnhöfe, Spitäler, Warenhäuser oder Rathäuser, Theater und Schulen − die Voraussetzung der modernen Stadt sein werden. Mit der Planung der Ringstraße ab 1857, die die alte Stadt gleichsam aus den Fesseln der mittelalterlichen Kasematten befreite, war in erster Linie ein Kapitalbürgertum aufgefordert worden, diesen ausgezeichneten wie repräsentativen Platz entlang der künftigen Ringstraße in der „Kaiserstadt“ für sich zu beanspruchen. Der Hintergedanke war, aus dem Erlös der Grundstücksverkäufe die Planung zu finanzieren. Also war es zu dem bunten Reigen neuer Gebäude entlang der Ringstraße gekommen, öffentliche Gebäude und historistische Paläste wechselten einander ab. Dank der frühen Entwurfstätigkeit Theophil Hansens in Wien war es möglich, an den Fassaden die traditionelle Gestik einer „Rangordnung“ wieder zur Geltung zu bringen. Es war offenbar das Anliegen der neuen Eigentümer, eine vergleichsweise ähnliche Hausstruktur zu bevorzugen, die man aus den feudalen Vorbildern kannte.

 

Waren die Repräsentationsräume eines Schlosses im 17. Jahrhundert auf politische Repräsentation ausgerichtet, so waren nun im 19. Jahrhundert deren Zitate zum Gestaltungsprinzip der Beletage geworden. Dienten früher Balkon und Fürstenstiege dazu, bei großen Gelegenheiten des politisch-feudalen Potentaten ansichtig zu werden, so war der Balkon für die großbürgerlichen Hausfassaden ein ästhetisches Gestaltungsprinzip. Aus der Fürstenstiege war nun ein multifunktionales Stiegenhaus geworden und der gemeinsame Zugang nicht nur für die Eigentümer, sondern auch für die unter oder über der Beletage wohnenden Mieter. Hatte man in den alten Villen des 18. Jahrhunderts den Balkon als Erweiterung des Wohn- und Lebensraumes genutzt, so war der Balkon während der Stadterweiterungen im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts zur Auflockerung der Fassade angebracht worden, vielleicht noch als obrigkeitliche Geste, ohne an eine mögliche Nutzung zu denken, denn zumeist waren die Balkone nicht einmal einen Meter breit.

 

Konferenzraum der CHSH-Beletage© Christian Steinbrenner
Konferenzraum der CHSH-Beletage

Mit der Beletage war eine Vorstellungswelt zu verwirklichen, die bewusst die fürstliche Raumordnung nachahmte, also die „Zimmerflucht“ der Schlösser. In den alten Schlössern war die „Zimmerflucht“ als Präsentation erlesener Sammlungen wie eine Galerie gestaltet worden, jetzt aber war dieser Zweck zwar durchaus im Visier geblieben, allerdings waren den Möglichkeiten dazu bei den meisten errichteten Häusern enge Grenzen gesetzt worden. Später, jedenfalls weit nach 1945, war nach den diversen Raumaufteilungen und Umbauten sehr schnell zu erkennen, dass es an der funktionalen Raumzuordnung mangelte, bzw. waren die für die Repräsentationsräume notwendigen Nebenräume von Beginn an zu gering dimensioniert, schlecht belichtet und belüftet und hatten offenbar nachdrücklich das Problem des Großbürgertums veranschaulicht, nämlich mehr scheinen zu wollen als zu sein. Die Gebäude entlang der Ringstraße oder die „neuen“ in der Innenstadt – wie das berühmte Palais Equitable am Stock-im-Eisen-Platz − zeigten sich weniger als „Modelle“ oder gar „Muster“ zeitgenössischer Architektur, sondern sahen sich vornehmlich als Dekoration im Stadtbild. Man hatte auch literarisch in den noblen Räumlichkeiten weniger an die Fortsetzung einer Tradition nach Stifter oder nach Grillparzer gedacht, als vielmehr an eine Kultur der Goldschnittbände. Hingegen eignete sich die Malerei in diesen Räumen der Beletage wegen ihrer Dekorationsbrauchbarkeit sehr gut und hatte sogar unerwartet schnell rund um Hans Makart eine „trade mark“ österreichischer Malerei begünstigt.

 

Die Beletage war in ihrer kostbaren Ausstattung zum „Hinterzimmer“ österreichischer Musik- und Theater-Tradition geworden, wie es Robert Musil charakterisiert hatte, freilich mit einem Hang zur Musealisierung, dem Wunsch, bereits zu Lebzeiten schon der Geschichte anzugehören, wofür die hohen und kühlen Räume der Beletage einen eindrucksvollen Rahmen bieten.

Dieser Gastbeitrag wurde entnommen aus unserem aktuellen Zinshausmarktbericht

 

reinhold knollprivat

Zur Person: Univ.-Prof. Dr. Reinhold Knoll

wurde 1941 in Wien geboren. Studium der Geschichte und Kunstgeschichte an der Universität Wien. 1970 – 1972 innenpolitischer Redakteur beim ORF. Hierauf Assistent am Institut für Soziologie an der Universität Wien. 1983 Habilitation in politischer und Kultursoziologie sowie Geschichte soziologischer Theorien. 1994 a.o. Univ. Prof. Lehraufträge an der Univ. Bratislava, Univ. Prag, Univ. Budapest und Gödöllö, Pecs und in Cluj. Mitherausgeber einer Geschichte österreichischen Philosophierens mit Michael Benedikt und Cornelius Zehetner in 7 Bde. von 1450 bis 2000: Verdrängter Humanismus und verzögerte Aufklärung. Seit 2006 im Ruhestand und Verfasser von Satiren: Attersee und Umgebung 1 und 2.

 

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